Venusberg (Bonn)

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Der Name Venus weckt allerhand Assoziationen: Einerseits heißt so ein erdähnlicher Planet, den man mit bloßem Auge am Morgen- und Abendhimmel erkennen kann, da er so hell strahlt. Andererseits heißt natürlich auch die römische Liebesgöttin so, nach welcher der Planet benannt wurde. Diese Göttin soll nicht nur betörend schön sein, sondern verspricht ebenso Fruchtbarkeit, Wohlstand und Sieg. Auch in der deutschen Sagenwelt spielt eine gewisse Frau Venus eine Rolle. Sie lockt Menschen in ihren Hof im Venusberg und verführt sie dort zu einem Leben in Sünde, was die Sterblichen in die Verdammnis treibt.

Ganz so dramatisch geht es am Venusberg in Bonn nicht zu. Es handelt sich um eine Hochebene, auf der sich der gleichnamige Ortsteil befindet. Doch woher kommt der prunkvoll anmutende Name?
 
Die Antwort ist deutlich bescheidener als es der römischen Göttin wohl gefiele: im ursprünglichen Namen steckte statt Venus Venn. Der Flurname Venn (auch Fenn, Vehn, Veen oder Vinn) bezeichnet eine Moorheide. Ein bekanntes Beispiel ist das Hohe Venn in der Nordeifel. Im südlichen und zentralen Rheinland gibt es eine Reihe von historischen Belegen für diese Benennung:

um 752: Finnelar (Goch-Hassum)
1018: Vene (Düsseldorf-Unterbach)
1359: oppen Vynne (Kempen)
1516: dat Wrackvenne (Monschau)
1528: Craeyenvenn (Sonsbeck)

Das Wort geht zurück auf das mittelniederdeutsche vēn(ne) ‚Moor‘ und ist auch in anderen Sprachen wie dem Althochdeutschen, Altsächsischen und Gotischen belegt (ahd. fenni, as. fenni, got. fani). Das moderne Niederländische hat veen als Wort für ‚Moor‘ bewahrt, außerdem ist es ebenfalls Bestandteil einiger Ortsnamen wie Amstelveen. All diese germanischen Wörter haben sich aus dem urgerm. *fanja- entwickelt, dem wiederum idg. *pen- ‚Sumpf‘ zugrunde liegt.

Doch wie kam es dazu, dass ein sumpfiger Berg zum Berg der Liebesgöttin wurde? Die Antwort liegt jedenfalls nicht in einer Werbekampagne des Ortsteils, um ihn attraktiver zu machen. Wann sich der neue Name durchgesetzt hat, ist nicht genau bekannt. Doch wer die Idee zur Namensänderung hatte, steht fest: Sie stammt aus der Studentensprache.

Dass verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich sprechen und sich auch verschiedenen Situationen anpassen, ist normal. In der Wissenschaft herrscht ein anderer Stil als in einer Werkstatt, Großeltern sprechen anders als ihre Enkelkinder, ein Telefonat mit einer Freundin klingt nicht wie eine Rede im Bundestag. Leider ist es heute schwer nachzuvollziehen, wie die Alltagssprache unterschiedlicher Menschen klang, da sie bis in jüngere Vergangenheit so gut wie nicht festgehalten wurde. Doch für die Studentensprache der letzten zwei Jahrhunderte gibt es detaillierte Aufzeichnungen. Eines ihrer zentralen Merkmale ist der Einfluss antiker Sprachen und Motive, also Griechisch und Latein. Doch nicht nur die klassischen, ehrwürdigen Studieninhalte hinterließen ihre Spuren in der Studentensprache. Andere Bestandteile dieser Sprache zeugen von den ausgelasseneren, vielleicht sogar ungezügelten Seiten des Studiums. Die Nähe von Venusberg zur weiblichen Anatomie ist sicherlich kein Zufall. Und dieser Verbindung aus klassischer Mythologie und frivolem Studentenhumor hätte die Göttin sicherlich zugestimmt.

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Venus ist eine der bekanntesten Göttinnen des römischen Pantheons – und scheint auch in Bonn beliebt zu sein. | © gemeinfrei
Bildunterschrift
Venus ist eine der bekanntesten Göttinnen des römischen Pantheons – und scheint auch in Bonn beliebt zu sein. | © gemeinfrei