Katzennamen im Ruhrgebiet: Kaline, Bömsken und Fissel

Text

Vor einiger Zeit habe ich den Bochumer KatzentempeI besucht, ein gemütliches veganes Restaurant mit tierischer Gesellschaft. Alle dort lebenden Katzen tragen Namen, die den besonderen Charme des Ruhrgebiets widerspiegeln. Nachdem ich bereits von Ömmes, Eumel, Hulle und Scholli berichtet habe, geht es im letzten Teil dieser kleinen Serie um Kaline, Bömsken und Fissel.

Als ich Kalines Namen höre, klingt er für mich – zunächst irreführenderweise – nach dem französischen câlin ‚Zärtlichkeit‘. Das dazugehörige feminine Adjektiv câline bedeutet ‚anschmiegsam, zärtlich, liebevoll‘. Und sehr treffend heißt faire un câlin à un chat ‚eine Katze streicheln‘. Das würde gut zu Kaline passen, denke ich, denn sie wird im Katzentempel „Die Sensible“ genannt. Und das merkt man ihr auch an: eine zarte, vorsichtige Katzendame mit aufmerksamem Blick und sanftem Wesen. Auch die Endung -line klingt weich und mädchenhaft, wie auch bei anderen Frauennamen, zum Beispiel Pauline oder Caroline.

Bild
Kopf einer dreifarbigen Katze
Bildunterschrift
Kaline – Die Sensible | © Katzentempel GmbH

Doch das Wort Kaline kommt nicht aus dem Französischen. Der Name bedeutet zwar tatsächlich ‚Mädchen, Frau‘, stammt aber vermutlich aus einer ganz anderen Ecke: vom jüdisch-deutschen Kalle, was ‚Braut‘, ‚Geliebte‘ oder auch ‚Prostituierte‘ bedeuten kann und ursprünglich auf das hebräische kalá ‚Braut‘ zurückgeht. Möglich ist auch ein Ursprung vom jiddischen kal ‚gering, leicht‘. Das liegt nahe, denn in der Umgangssprache des Ruhrgebiets finden sich bis heute viele Jiddismen. Auch in der Münsteraner Masematte, einer Sondersprache mit starken jiddischen Einflüssen, kennt man das Wort Kaline für ‚Mädchen, Frau‘. Dort sagt man zum Beispiel Seegers un Kalinen für ‚Männer und Frauen‘ oder ‚die Leute‘. Interessant ist aber, dass Seeger im Ruhrgebiet selbst eine etwas markantere Note hat: Da meint man eher einen schnittigen, selbstbewussten Typen, also einen Lebemann. Und eine Kaline steht ihm in nichts nach.

Während Kaline sich beobachtend zurückzieht, flitzt eine bunt getupfte Glückskatze durch das Restaurant: Bömsken, der Wirbelwind unter den Tempelkatzen. Ihr Name klingt so süß, wie sie aussieht. Bömsken bedeutet im Regiolekt nämlich ‚Bonbon‘. Gebräuchlich ist das Wort in den Ruhrgebietsstädten und im benachbarten Kreis Wesel (zu sehen auf unserer Wortkarte „Bonbons). Bömsken ist eine Diminutivform, denn im Revier wird gerne verniedlicht. Was im Hochdeutschen auf -chen endet, wird hier zu -ken. Die Diminutivendung -ken stammt ursprünglich aus dem Niederdeutschen und passt bei so einem kleinen, niedlichen Kätzchen natürlich hervorragend. Im Plural heißt es dann Bömskes ‚Bonbons‘, zum Beispiel sagt man im Ruhrgebiet:

Früher krichtesse für zwanzich Fennich ne ganze Tüte Bömskes.

Bild
Dreifarbige Katze mit kleinem Kopf guckt in die Kamera
Bildunterschrift
Bömsken – Der Wirbelwind | © Katzentempel GmbH

Weniger quirlig, aber dafür umso entschiedener ist Fissel, geboren 2021, die „Golden Cat“ des Bochumer Katzentempels. Ihr Beiname ist „die Wählerische“. Fissel hat wachsame Augen und eine Ausstrahlung, die zeigt, dass sie ganz genau weiß, was sie will und was nicht. Fissel, Fisel oder auch Fitzken bedeutet ‚Fussel‘, ‚Faser‘, ‚Fädchen‘ oder ‚kleine Stoffreste‘. Auch im übertragenden Sinne bezeichnet es kleine, meist unnütze Dinge, die fein und manchmal auch ein wenig lästig sind. Das mit Fissel verwandte Adjektiv fisselig bzw. fiselig beschreibt etwas besonders Dünnes, Feines, Zerbrechliches oder auch eine Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Wer im Ruhrgebiet et is fisselig oder Fisselskram sagt, meint damit eine Aufgabe, bei der es auf Genauigkeit ankommt, und bei der man oft leicht genervt aufgibt. Zum Beispiel:

Dat is aber ne fiselige Angelegenheit.

Sonn Fisselskram (z.B. Nähen und Umändern von Kleidungsstücken) machte Mama später nich mehr, dat war ihr im Alter zu schwierig.

Woher das Wort genau stammt, ist nicht geklärt. Fissel trägt diesen Namen jedenfalls mit Selbstverständlichkeit. Sie ist fein, anspruchsvoll und lässt sich nicht so leicht beeindrucken. 

Jede der Bochumer Tempelkatzen trägt mit ihrem Namen ein kleines Stück der charmanten Sprache des Ruhrgebiets mit sich. Manche Bedeutungen sind leicht zu erschließen, andere sind überraschend, aber alle liebevoll und treffend gewählt.

Bild
Dreifarbige Katze liegt auf einer Decke
Bildunterschrift
Fissel – Die Wählerische | © Katzentempel GmbH