Marc Real
Essen an der Ruhr ist die viertgrößte Stadt Nordrhein-Westfalens und vor allem als Industriestandort bekannt. Wer sich für Sprache interessiert, weiß auch, dass im Ruhrgebiet eine markante Alltagssprache gesprochen wird, das Ruhrdeutsche.
Das ist allerdings eine oberflächliche Betrachtungsweise. Jemand, der wirklich in die Tiefe der sprachlichen Varietäten in und um Essen geht, ist Marc Real: Germanistikstudent und Dialektforscher. Dabei spezialisiert er sich auf den Dialekt von Werden und der umliegenden Orte. Betrachten wir einmal die Stadt Essen, um zu verstehen, was Werden ausmacht: Essen sieht aus „wie ein unförmig breitgeklopftes Schnitzel“, erklärt Real, als wir gemeinsam in der Sprachbibliothek sitzen „und ist eigentlich Essen an der Berne“, einem kanalisierten Industriefluss. Etwa 10 Kilometer südwestlich vom Stadtzentrum liegt der 1929 eingemeindete Stadtteil Werden. Dem Ersteindruck Essens entgegen, ist es hier sehr grün, es herrscht kleinstädtisches Flair. Aus diesem beschaulichen Ort stammen mehrere Familienmitglieder von Real. Er selbst ist in Borbeck und Kettwig aufgewachsen, doch dank seiner Familie hatte er immer starke Verbindungen nach Werden. Bis in die frühen Siebzigerjahre sprachen noch viele Menschen in Werden den lokalen Dialekt Waddisch Platt. Das Standarddeutsche war jedoch der gemeinsame Nenner mit den Zugezogenen, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg nach Werden kamen. Der Dialektverlust, der in Nord- und Mitteldeutschland schon lange im Gange war, machte auch vor dem Essener Süden nicht halt. Waddisch Platt wich von den Straßen und zog sich ins familiäre Umfeld zurück, jedoch ohne, dass die jüngeren Generationen es aktiv lernten. Dialektsprechen hatte einen schlechten Ruf und stand im Verdacht, Kindern gute Bildung zu erschweren. Wer keine Waddisch Platt sprechenden Verwandten hatte, konnte also nicht genau wissen, wie es klingt.


