dat/der Auto

Text

Eine Lokomobile ist heute nur noch in landwirtschaftlichen Museen zu finden. Es war eine große und mobile Dampfmaschine, die eine Dreschmaschine oder ein Sägegatter antreiben konnte; im LVR-Freilichtmuseum Lindlar ist noch ein funktionstüchtiges Exemplar zu besichtigen. Die Mehrzahlform von Lokomobile lautet Lokomobilen. Analog dazu sagte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland zum Kraftfahrzeug auch die Automobile (Einzahl), in der Mehrzahl: die Automobilen. In der achten Auflage des „Orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache“ von Konrad Duden ist neben Automobil, das auch Automobile, die (Einzahl) zu finden, allerdings wird die Variante mit weiblichem Wortgeschlecht als „seltener“ eingestuft (S. 32 im 11. Neudruck der 8. Auflage). Dagegen wird Lokomobile, die in diesem Rechtschreibwörterbuch ausschließlich mit weiblichem Genus aufgeführt (S. 216).

Inzwischen ist die Einzahlform Automobile völlig verschwunden, durchgesetzt hat sich in der Standardsprache das Automobil. Im Alltag gebräuchlicher ist allerdings die Kurzform das Auto, im Rheinland auch dat Auto. Zusammensetzungen mit Auto- gibt es ja viele: Autobiografie, Autodidakt:in, Autodrom, Autogramm, Autoimmunerkrankung, Autokorrektur, Autokrat:in, Automat, Autopilot…, doch wenn von Auto in dieser kurzen Form die Rede ist, ist das Automobil gemeint. Im Rheinland kann die Kurzform, wie die Karte zeigt, allerdings auch als der Auto in Erscheinung treten.

Bild
dat/der Auto | © LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, CC BY 4.0
Bildunterschrift
dat/der Auto | © LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, CC BY 4.0

Der Fragebogen, auf dem die Karte basiert (siehe unten), hatte die Antwortmöglichkeiten das / dat Auto und der Auto vorgegeben. Auf der Karte herrscht orange für das / dat Auto vor. Grün, also der Auto, ist vor allem im Linksrheinischen anzutreffen, allerdings ohne den unteren Niederrhein. Im Raum Köln-Bonn reichen die Belege für der Auto auch ins Rechtsrheinische hinüber bis nach Kürten und Siegburg.

Die Karte beruht auf dem ILR-Sprachfragebogen 8 aus dem Jahr 2005, und zwar auf den Antwortbögen der Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahre (bezogen auf 2005). Je Kommune wurden allerdings maximal zehn Fragebögen für diese Altersgruppe berücksichtigt; lagen mehr vor, wurden die Antworten der zehn vom Alter her in der Mitte liegenden Personen herangezogen. Wurde für eine Kommune nur eine einzige Variante gemeldet, ist das Kreissymbol entweder einfarbig orange oder einfarbig grün. Das Halbe-halbe-Symbol ist dort zu finden, wo beide Varianten gleich stark waren. Kam die eine Variante häufiger als die andere vor, hat der betreffende Ortspunkt das Dreiviertelsymbol.   

Jüngere Leute scheinen in ihrem Regiolekt noch sehr viel seltener die Variante der Auto zu verwenden als die Altersgruppe 45-64 Jahre. In Viersen, auf der Karte mit einem Dreiviertelsymbol vertreten, haben 22 Personen im Alter von 16 bis 24 Jahre den Fragebogen ausgefüllt, dabei wurde nur ein einziges Mal ein Kreuzchen bei der Auto gemacht. Im benachbarten Mönchengladbach haben sogar 46 junge Leute mitgemacht: Auch hier wurde nur einmal der Auto genannt. Sätze wie Stell den Auto ma in die Garage oder Der Auto muss inne Werkstatt sind bei Jugendlichen also kaum zu erwarten.

Dagegen dürfte ein Satz wie Der Wagen muss inne Werkstatt auch bei Menschen jüngeren Alters zu hören sein, wenn das Auto gemeint ist. Der Wagen bezeichnete im 19. Jahrhundert (und früher) ein von Pferden oder anderen Tieren gezogenes Gefährt; als dann die Automobile aufkamen, wurde die Bezeichnung auf das neuartige Fahrzeug übertragen, das waren dann Kraftwagen. Bis heute dienen Personenkraftwagen und Lastkraftwagen ja als amtliche Bezeichnungen, kurz PKW und LKW. Offensichtlich hat im Rheinland das Wortgeschlecht von Wagen auf Auto(mobil) abgefärbt, so dass die Menschen hier es einmal mit der Auto versuchten. Die Karte legt allerdings nahe, dass diese grammatische Variante stark auf dem Rückzug ist. Als das-Wort kann Auto im Land von dat & wat aber immer ins _dat-_Lager überwechseln (siehe Cornelissen 2021).

Auch in den Dialekten des Rheinlands wird Auto oft mit männlichem Wortgeschlecht verwendet (siehe Karte). Im Standardniederländischen heißt es analog: de auto. So wird das Stichwort Auto im Dialektlexikon von Grefrath im Kreis Viersen mit beiden Wortgeschlechtern verzeichnet. Einer der Satzbelege lautet: Ich jlöf, dä hätt Jeld saat, wäjen der vehrt ennen decken Auto (Ich glaube, der hat mehr als genug Geld, denn er fährt ein dickes Auto; Ackermann 2003, Band 1, S. 91, Schreibung verändert).