Familiennamen auf -ert

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Ein Blick ins Telefonbuch eines jeden Ortes in Deutschland reicht aus und man entdeckt zahlreiche Familiennamen, die auf -ert enden: Schubert, Seifert, Eckert, Ebert, Reichert und Siebert sind dabei nur die häufigsten Namen dieser Form; insgesamt gibt es etwa 5.000 dieser Art. Auch im Rheinland finden sich zahlreiche Belege für solche Familiennamen. Wo ihr Ursprung liegt und wie sie sich entwickeln konnten, zeigt ein Blick in die Sprachgeschichte.

In anderen Sprachen wie etwa dem Polnischen wird an Wörter bestimmte Endungen angehängt, um sie als Familiennamen zu kennzeichnen (-ski bei Lewandowski, Podolski oder Kaminski). Familiennamen im deutschsprachigen Gebiet weisen zwar unterschiedliche Ursprünge und verschiedene Formen auf, es liegt aber kein einheitliches Konzept für die Kennzeichnung von Familiennamen vor. Eine Ausnahme könnte eventuell die Endung (= Suffix) -ert wie bei Schubert, Seifert, Eckert, Ebert, Reichert und Siebert bilden.

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Rheinische Beispiele von Familiennamen auf -ert | © wordart.com/create
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Rheinische Beispiele von Familiennamen auf -ert | © wordart.com/create

Viele dieser Familiennamen, die heute auf -ert enden, haben ihren Ursprung in ehemals zweigliedrigen germanischen Namen wie Eburhart oder Sigifrit. Deren Zweitglieder -hart und -frit wurden mit der Zeit abgeschwächt, sodass Ebert und Siefert entstanden. Für diese lautliche Abschwächung gibt es einen einfachen Grund: Im Neuhochdeutschen (etwa ab 1650) erfolgte die Festlegung der Betonung eines Wortes auf die erste Silbe; zuvor hatte es im Deutschen lange Zeit kein festgelegtes Betonungsmuster gegeben, alle Vokale eines Wortes wurden voll ausgesprochen. Die Festlegung der Betonung auf die erste Silbe führte dann dazu, dass die unbetonten Silben (Nebensilben) immer weniger ausgesprochen wurden; sie wurden zu einem gemurmelten e-Laut (Schwa) oder fielen ganz aus – Eburhart > Ebert, Sigifrit > Siefert. Verstärkt wurde diese Entwicklung dadurch, dass Namen wie Eburhart oder Sigifrit in früheren Zeiten noch durchsichtig, für jeden also verständlich, waren: Vor vielen Jahrhunderten wussten Menschen etwa noch, dass Eburhart auf den Namengliedern althochdeutsch ebur ‚Eber‘ und althochdeutsch harti, herti ‚hart, stark‘ basiert und Sigifrit aus den Namengliedern althochdeutsch sigu ‚Sieg‘ und althochdeutsch fridu ‚Friede‘ besteht. Im Laufe der Zeit kam es zu Verschmelzungen, Verschleifungen und lautlichen Angleichungen, sodass das Wissen über die Bestandteile eines Namens und seine Bedeutung verloren ging. Die ehemals zweigliedrigen Familiennamen erstarrten zu festen Kombinationen – kaum jemand wusste noch, dass Ebert auf den Rufnamen Eburhart zurückging, der aus zwei Silben bestanden hatte; bekannt waren fast nur noch die durch zahlreiche Wandelprozesse entstandenen „neuen“ Namen auf -ert. Hörer:innen nahmen bei der Vielzahl dieser verkürzten Namen die Endung -ert als typische Familiennamenendung wahr. Und so wurde sie häufig nach Vorlage dieser Familiennamen auch an andere Namen angehängt, um zu zeigen, dass es sich bei diesen um einen Familiennamen handelt. Damit hatte -ert bei deutschen Familiennamen wohl die gleiche Aufgabe wie -ski bei polnischen.

Alternativ könnten auch Familiennamen, die auf -er auslauten (häufig Berufsbezeichnungen wie Breuer oder Becker), eine Vorlage für Familiennamen auf –ert liefern. Nach dem Vorbild der Familiennamen auf -ert hängte man teilweise auch solchen auf -er noch ein -t an, wohl um sie vom sonstigen Wortschatz abzugrenzen: So bezeichnet zwar der Bäcker denjenigen, der das Backwerk herstellt, Beckert hingegen ist dann ein Familienname. Der -ert-Ausgang zeigt also an, dass es sich um einen Familiennamen handelt; im sonstigen Wortschatz kommt diese Endung tatsächlich selten vor (nur noch in Formen wie überaltert oder verändert, in Adjektiven wie bewandert und im Zahlwort hundert).

So erklärt sich, warum viele Familiennamen in Deutschland auf -ert enden; allerdings hat sich diese Art der Kennzeichnung von Familiennamen nicht durchsetzen können, auch wenn wir natürlich viele Beispiele von Familiennamen auf -ert kennen. Wie die jeweiligen Formen aber entstanden sind, ist häufig nicht leicht zu erklären. Hilfreich ist immer ein Blick auf die erste Erwähnung des Familiennamens.