Breyell (Kreis Viersen)

Die Breyeller Geheimsprache Henese Fleck

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Eine der ungewöhnlichsten und geheimnisvollsten Geheimsprachen ist in Breyell nahe der niederländischen Grenze bei Venlo überliefert. Dabei ist das Gewerbe selbst, das den Ort zum "Kiepenträgerdorf" gemacht hat, in keinster Weise ungewöhnlich. Breyell war schon im 17. Jahrhundert ein Zentrum des Transportgewerbes. Von hier aus fuhren Fuhrwerke in die Eifel, nach Duisburg oder in die niederländischen Provinzen bis nach Amsterdam und Rotterdam. Daneben gab es die klassischen Hausierer:innen, die mit der Kiepe oder dem Hundekarren über Land zogen. Sie handelten mit den typischen Kramwaren, die sie bei den örtlichen Großhandlungen bezogen, aber auch mit Tabak, Branntwein, Kaffee, Fisch und Käse. Nach dem Wiener Kongress unvermittelt in einem Grenzort lebend, verlegten sich im 19. Jahrhundert viele Hausierer:innen auf den Schleichhandel in die Niederlande. Wie viele Grenzorte gelangte Breyell so in den Ruf eines Schmugglerdorfs – und die örtliche Geheimsprache wurde als Schmugglersprache interpretiert.

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Schaager Mühle in Breyell: Ob der Müller wohl Henese Fleck gesprochen hat? | © Silvia Margrit Wolf, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinalnd
Bildunterschrift
Schaager Mühle in Breyell: Ob der Müller wohl Henese Fleck gesprochen hat? | © Silvia Margrit Wolf, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinalnd

Von den Hausierer:innen selbst als Henese Fleck 'schöne Sprache' bezeichnet, gibt diese Geheimsprache bis heute Rätsel auf. Nicht weil sie etwa unentschlüsselt wäre, sondern weil sie kaum Bezüge zu anderen Rotwelschdialekten aufweist. Auch die Entstehungsgeschichte ist dunkel. Schon die erste Dokumentation aus dem Jahre 1847 beschreibt eine nahezu "tote Sprache", die bis heute von heimatinteressierten Breyeller:innen künstlich am Leben erhalten wurde. Bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts konnten die Abkömmlinge von Hausierer:innen keine Auskünfte mehr geben, weil sie in ihren Familien nicht mehr mit der Geheimsprache in Kontakt gekommen waren. Wer hat also wann überhaupt Henes gesprochen?

Noch rätselhafter ist die Sprache selbst. Der Wortschatz umfasst etwas mehr als dreihundert Wörter, davon gehört jedoch nur der deutlich geringere Teil zum "klassischen" Rotwelsch (hier in der Breyeller Lautung): Benk 'Mann', Bomsel 'Apfel'. Bööt 'Ei', Böötert 'Gans', Droht 'Geld', Femsel 'Hand', Fläpp 'Spielkarte', Flöss 'Urin, Wasser', Hutz 'Bauer', Jronz 'Kind', Klemm 'Gefängnis', Kooter 'Messer', Kracksel 'Nuss', lock 'schlecht, klein', moll 'tot', Röösch 'Perücke', Ruschert 'Stroh', Schmecks 'Butter', Schock/Schuck 'Ware, Markt', Schwömsel 'Fisch' und fucke/vucke 'laufen'.

Den mit Abstand größten Anteil am Henese Fleck haben dagegen exklusive Wortschöpfungen, die außerhalbs Breyells nahezu unbekannt sind. Am auffälligsten sind sicherlich die Pronomen minutes 'ich', minutese 'wir' und zinutes 'du', deren Gebrauch mit Verben in der dritten Person zu völlig unverständlichen Sätzen führt: Minutes hät vandach den üül jekwock ('ich habe heute nichts verdient') oder Holt tsinutes den Henese Fleck? ('Verstehst du die Breyeller Geheimsprache?'). Weitere eigenständige Breyeller Bildungen sind Älle 'Pfund', benucke 'bekommen, kriegen', Blareläpper 'Arzt', Bolkhas 'Mönch', Dreck 'Pottasche', fose 'drehen, spinnen', Höbbel 'Hund', Hock/hocke 'Kredit/leihen', hospele 'mahlen', janes 'närrisch', Jokep 'Teer', Kaul/kaule 'Weber/weben', Knapp/Knappknucker 'Brot/Bäcker', knökele 'arbeiten', Knökert 'Kaffee', knucke 'machen, tun, stellen', krotze 'stehlen', Nätte 'Vater', nolle 'rechnen', Pempert 'Öl', Pineke/Pinke 'Tee', plare 'trinken', Plent 'Lumpen', Prätter 'Priester', Rote 'Töpferware', schockele 'fahren, reisen', Schrock 'Hunger', Sipps 'Milch', Tänt 'Haus', zammele 'tanzen', den ühl 'nichts', vlecke/flecke 'sprechen, reden', Vühr/Führ 'Spion, Agent'.

Auffällig ist der vergleichsweise hohe Anteil an Verben, die wiederum zu sehr vielen Ableitungen geführt haben, mit denen ein Gespräch in Henes noch unverständlicher wird. Hinzu kommen eine ganze Reihe von Wörtern, die den rotwelschen Bildungsmustern folgen, aber aus der örtlichen Mundart abzuleiten sind. Fern der Heimat sind solche Wörter für Außenstehende ebenfalls nicht zu dechiffrieren. Das gilt auch für das vollends seltsame Zählsystem der Breyeller Händler:innen. In allen bekannten Rotwelschdialekten werden die jiddischen Zahlwörter benutzt (ollef, bais, gimmel, dollet, hai (daher der Heiermann) usw.), nur der Henese Fleck hat ein eigenes System entwickelt: parz 'zwei', troms 'drei', notringskes 'vier', half krützkes 'fünf', spörkes 'sechs', spörkes on een 'sieben', krützkes 'zehn'. parz krützkes 'zwanzig', holf uhr 'fünfzig' usw. Dass dieses Zählsystem ein weiteres Mittel zur Verrätselung ist, liegt auf der Hand.

Es bleiben Fragen:

Wer hat Henes gesprochen? Die Fuhrleute, die Hausierer:innen, die Schmuggler:innen?

Die Sprache war für andere fahrende Händler:innen völlig unverständlich. Welche Funktion hatte sie dann? Bei welchen Gelegenheiten wurde sie überhaupt gesprochen? Diente sie nur der Kommunikation unter Breyeller Händler:innen? Welchen Nutzen hätte das?

Die Sprache hat sich nicht wie andere Rotwelschdialekte kontinuierlich entwickelt. Ist der ortstypische Wortschatz etwa am "Grünen Tisch" erfunden worden? Ist der Henese Fleck gleichsam eine konstruierte Sprache?

Hier ist die Breyeller Geheimsprache in zwei Tonbeispielen zu hören (Breyell 1, Breyell 2) – und so klingt der Ortsdialekt von Breyell.